Blogparade: 9 to 5 Job vs. digitales Nomadentum

Geschrieben von KarinScherbart on August 5, 2015

Mit ihrer Blogparade „9 to 5 leben oder den Job kündigen und ab in die Welt“ im Blog "Reiseaufnahmen" wirft Tanja Starck die Frage auf, ob und unter welchen Umständen ortsunabhängiges Arbeiten (online oder offline) glücklicher macht als die Arbeit von einem festen Standort aus, sei es nun als Selbstständiger vom eigenen Büro zu Hause oder in einer Festanstellung mit regelmäßigem Einkommen.

 

Und wie schaut es mit den Lösungen dazwischen aus, wenn jemand etwa zeitweilig als digitaler Nomade in die Welt hinauszieht, dabei jedoch einen festen Wohnsitz behält, an den er nach Beendigung einer Reise zurückkehren kann?

 

In meinem Beitrag zu dieser Blogparade möchte ich meine Gedanken dazu darlegen.

 

Absolute berufliche Sicherheit gibt es nicht

 

Es dauerte eine Weile, bis meine Entscheidung, mich selbstständig zu machen, gereift war. Und dann zog noch einmal genug Zeit ins Land, bis ich diesen Schritt tatsächlich gegangen bin. Wenn ich vorher gewusst hätte, dass es funktioniert, wäre ich sicher schon viel früher in die Selbstständigkeit gestartet. Denn dass es heutzutage kaum noch „sichere Jobs“ gibt, wusste ich schon lange. Wie so viele hatte auch ich im Verlauf meines Berufslebens einige befristete Arbeitsstellen inne. Hatte ich einen Job, war ich froh darüber, da ich ja auch die andere Seite der Medaille – Zeiten der Arbeitslosigkeit – kannte.

 

Trotz meines Wissens darüber, dass jegliche potentielle Sicherheit in Bezug auf den Beruf selbst für gut Ausgebildete Illusion ist, konnte ich mein Sicherheitsdenken für sehr lange Zeit nicht so weit herunterschrauben, dass ich den „Sprung ins kalte Wasser“ durch einen Start in die Selbstständigkeit gewagt hätte. Vom Verstand her wusste ich, dass ich damit eigentlich fast nichts zu verlieren hatte – außer Lebenszeit. Rücklagen hatte und habe ich, ein Dach über dem Kopf ebenfalls und auch alles, was ich zum online Arbeiten brauche (meinen Kopf, meinen Laptop und Internet).

 

Dennoch habe ich lange mit dem Schritt gezögert, mich selbstständig zu machen. Stattdessen klammerte ich mich in meinem Sicherheitsstreben noch an das letzte Fünkchen Hoffnung auf eine Festanstellung, die zumindest für einen bestimmten Zeitraum finanzielle Sicherheit in Form eines regelmäßigen Gehalts versprechen würde. Diese Hoffnung schwand natürlich mehr und mehr dahin. Da ich mich aber weiterentwickeln und nicht stehen bleiben wollte, musste der Augenblick dieser Entscheidung und seiner Umsetzung irgendwann kommen. Und so geschah es.

 

Ich verstehe jeden, der lieber in seinem vorhandenen festen Job verbleibt. Als Angestellter kann man meiner Ansicht nach genauso glücklich werden, wenn die Art der Tätigkeit zu einem passt, man in einem motivierenden Umfeld mit netten Kollegen arbeitet und insgesamt dort für sich völlig zufriedenstellende Bedingungen vorfindet.

 

Nur hat sich der heutige Arbeitsmarkt nun einmal so entwickelt, dass immer weniger Menschen diese Form von Glück haben werden. Schon jetzt spricht die wachsende Zahl der Langzeitarbeitslosen Bände – von denjenigen, die in der Statistik gar nicht auftauchen, ganz zu schweigen. Einige, zumindest die besser Ausgebildeten darunter, müssten gar nicht so lange in dieser Situation sein, wenn man ihnen rechtzeitig Perspektiven aufzeigen würde, mit denen sie ihr Glück selbst in die Hand nehmen könnten. Selbstständige sind ein zunehmend wichtiger Teil der Wirtschaft – und dennoch macht der Staat vielen den Start in die Selbstständigkeit durch hohe bürokratische Hürden und teils Mehrkosten so schwer wie nur möglich. Stattdessen unterstützt er Großkonzerne mit umwelttechnisch und sozial fragwürdigen Praktiken.

 

 

Warum ich die Selbstständigkeit heute bevorzuge

 

Schon während meiner Tätigkeiten als Angestellte hatte ich bemerkt, dass die dort üblichen Arbeitszeiten von 8:00 bis 16:00 Uhr – oder die mildere Variante von 9:00 bis 17:00 Uhr – für mich nicht unbedingt ideal sind. Berücksichtigt man, dass dazu im Durchschnitt noch eine Stunde Anfahrtszeit oder länger zum jeweiligen Arbeitsplatz hinzukam, kann man sich leicht ausrechnen, wie früh ich dann aufstehen musste.

 

Jemand, der morgens gleich topfit ist und um diese frühe Zeit am leistungsfähigsten ist, hat damit möglicherweise keine Probleme. Ich selbst brauche mit meinem natürlichen Biorhythmus als „Eule“ jedoch meine Zeit, um am Morgen in die Gänge zu kommen. Mein erstes Leistungshoch erreiche ich meist erst im Verlauf des Vormittags. Dafür kann ich nachmittags und abends bestens konzentriert arbeiten. In einem 9 to 5 (oder 8 to 4) Job war dies allerdings nicht oder nur eingeschränkt möglich. Dafür war ich aufgrund des frühen Arbeitsbeginns oft nicht ausgeschlafen. Den fehlenden Schlaf musste ich dann am Wochenende so gut es ging nachholen, während andere dann möglicherweise mehr Zeit für Freizeitaktivitäten und Hobbies nutzen konnten.

 

Deshalb genieße ich heute – zu Gunsten der vollen Ausschöpfung meiner Leistungsfähigkeit – die Vorteile, die mir die Selbstständigkeit bietet:

 

  • die freie Zeiteinteilung und in meinem eigenen Rhythmus arbeiten zu können,

  • die Möglichkeit der flexibleren Planung unter Berücksichtigung all meiner individuellen „Lebensbaustellen“,

  • mehr persönliche Entwicklungsmöglichkeiten: In der Selbstständigkeit kann ich mich so entfalten, wie ich es will, meine Talente nutzen und meinen eigenen Weg bestimmen, während ich an den täglichen Herausforderungen wachse und jeden Tag sowohl inhaltlich als auch sonst etwas dazulerne,

  • und nicht zuletzt als Selbstständige nie wieder arbeitslos zu sein: Denn unabhängig von der jeweils aktuellen Auftragslage gibt es immer etwas zu tun – seien es nun Marketingaufgaben, Akquise, die Erweiterung und Pflege des beruflichen Netzwerks und der professionellen Homepage oder das Verfassen neuer Artikel, die ja auch als Arbeitsproben dienen.

 

Ortsunabhängig arbeiten: Meine Erfahrungen

 

Als freiberufliche Texterin, Übersetzerin und Korrektorin passt alles, was ich für meine Arbeit benötige, in eine Notebooktasche. Zwar schreibe, übersetze und korrigiere ich häufig am heimischen Schreibtisch oder in WLAN-Reichweite innerhalb der Wohnung. Doch wenn ich auf Reisen bin, merke ich, dass ich auch zum Beispiel unterwegs im Zug oder in einem gemütlichen Café produktiv sein kann. Manchmal bringt so ein „Tapetenwechsel“ sogar einen neuen kreativen Schub.

 

Während beim Zugfahren die Landschaft gleichmütig am Fenster vorbeigleitet, kann der Arbeitsfluss so richtig in Gang kommen. Zugleich fördert das eingeschränkte Zeitfenster bei einer Zugfahrt effizientes Arbeiten – mangels stabiler Internetverbindung meist sogar ohne diese Art der Ablenkung. Bei manchen Aufgaben wie zum Beispiel Texten mit Recherchebedarf muss ich in solchen Fällen daher vor der Reise Vorbereitungen treffen. Grundsätzlich lassen sich auf einer Bahnreise jedoch viele Aufträge und die dazugehörigen Teilaufgaben erledigen, einschließlich Verwaltungsaufgaben, Angebote oder Rechnungen schreiben, die später am Tag online verschickt werden sollen. Je nachdem, was gerade ansteht.

 

Dennoch könnte und wollte ich nicht von jedem Ort aus arbeiten. An erholsamen Orten in der Natur, an einem Strand, beim Wandern oder bei der Erkundung von Sehenswürdigkeiten in meiner Freizeit findet man mich grundsätzlich ohne Notebook. Nicht nur, weil es sich am Boden, im Gehen oder bei auf dem Bildschirm blendender Sonne schlecht arbeiten ließe und in der Natur nicht überall Internet verfügbar ist, sondern auch, weil diese Formen der Erholung für mich stets offline stattfinden. Nicht fürs ortsunabhängige Arbeiten in Frage kommen außerdem zu unruhige, zu laute oder auf sonstige Weise ablenkende Orte.

 

 

Könnte ich mir vorstellen, ein digitaler Nomade zu sein?

 

Kurz gesagt: Nein, zumindest nicht auf Dauer. Obwohl ich technisch gesehen von überall aus meine selbstständige Tätigkeit ausüben kann, wäre ein digitales Nomadenleben wahrscheinlich nichts für mich. Zum einen bin ich ein eher sesshafter Mensch, der nach seinen Ausflügen in die mehr oder weniger weite Welt gerne an einen festen Ort zurückkehrt. Zum anderen würden mich einige ungeklärte praktische Fragen davon abhalten:

 

  • Wo könnte ich mein Hab und Gut zwischenlagern, wenn ich als digitaler Nomade durch die Weltgeschichte zöge? Viele Dinge wären entbehrlich, doch all diese Gegenstände zu verscherbeln, bevor ich losziehen könnte, würde einige Zeit in Anspruch nehmen. Ein paar persönliche Dinge würde ich in so einem hypothetischen Fall aber doch behalten wollen, nebst Büchern.

  • Wie versteuern digitale Nomaden überhaupt ihre Einnahmen, wenn sie im Laufe der Zeit in unterschiedlichen Ländern arbeiten und dabei keinen festen Wohn- geschweige denn einen Firmensitz haben? Und welche Adresse geben diese dann auf ihren Rechnungen an?

  • Und wäre es nicht aus bürokratischen Gründen schwierig, das digitale Nomadentum später wieder zu beenden? Und wie sähe es mit der Staatsangehörigkeit aus, wenn jemand ständig im Ausland unterwegs wäre und dabei keinen festen Wohnsitz aufweisen würde?

  • Davon abgesehen könnte ich mir vorstellen, dass sich aus so einer Lebensform versicherungstechnische Probleme ergeben könnten (Krankenversicherung etc.). Auch die allgemeine Absicherung, insbesondere die langfristige finanzielle Absicherung fürs Alter dürfte sich für dauerhafte digitale Nomaden eher schwierig gestalten.

 

Fazit: Mein Glück liegt irgendwo dazwischen

 

Letztlich käme ein digitales Nomadentum für mich allenfalls als temporärer Zustand in Frage. Bis jetzt arbeite ich vor allem von einem festen Standort aus und genieße es, durch einen gelegentlichen Ortswechsel frischen Wind in meine Arbeit zu bringen und ortsunabhängig, zum Beispiel auf Reisen, arbeiten zu können. Doch da die Selbstständigkeit so wie das restliche Leben schon unsicher genug ist, will ich mir zumindest die eine Sicherheit eines festen Wohnsitzes bewahren.

 

Mein Zuhause ist ein Ort, an dem ich meine Ruhe habe, der mir vertraut ist und an den ich mich aus dem Trubel draußen zurückziehen kann. Ohne dem wäre es so, als hätte man mir den Boden unter den Füßen weggezogen. Zudem stelle ich mir das Leben von digitalen Nomaden recht kompliziert vor. Ich glaube nicht, dass ich mein Glück hinreichend genießen geschweige denn effizient genug arbeiten könnte, wenn ich mich ständig damit beschäftigen müsste, wo ich heute oder morgen schon wieder bleiben würde.

Comments:

Geschrieben von Tanja am
Liebe Karin,

danke, dass du mitgemacht hast. Als studierte Germanistin und ehemals für eine Tageszeitung schreibende Freie habe ich den Beitrag über das Dasein in der Selbständigkeit als Texterin besonders gerne gelesen.

Ich wäre übrigens ein großer Fan einer Bahncard 100. Ich liebe es in der Bahn Texte zu schreiben, in meinen Augen der beste Ort für Kreativität und Effizienz in einem.

Viele Grüße
Tanja
Geschrieben von Weltentdeckerin am
Sehr schöner Artikel. Ich persönlich sehe das Nomadentum als aufeinander folgende Lebensphasen. Ich bin noch nicht wirklich durch die Welt getingelt, da Reisen ein Luxus ist, den ich mir in den letzten Jahren nicht leisten konnte. Aber auch so kann man schöne Dinge und Orte entdecken. Ich bin trotz relativer Sesshaftigkeit in meiner Seele eine Nomadin, da ich noch keinen Ort gefunden habe, an dem ich mich Zuhause fühle. Ich ziehe sehr gerne um und bin auch schon ausgewandert.Ich werde es wieder tun, wenn sich Gelegenheit bietet. So ist also meine Sesshaftigkeit nur solange gegeben, bis ich die Möglichkeit habe, weiterzuziehen. Aber ein dauerhaften Wohnsitzwechsel würde ich vielleicht höchstens zwei- drei Jahre mitmachen. Es ist in gewisser Weise sicher auch anstrengend dauernd alles zu verändern. Ich kann es mir aber gut vorstellen eine Homebase in verschiedenen Ländern zu haben und diese dann hin und her zu wechseln. Dazu brauch man natürlich auch das nötige Kleingeld.
Wobei...umso mehr ich darüber nachdenke, umso interessanter ist auch das tatsächliche Nomadentum, wenn man es für einen gewissen eher kurzen Zeitraum betreibt. Ich denke man kann so ganz tiefe und interessante Erfahrungen machen. Das echte Leben spüren und auch ziemlich tief fallen, wenn man Pech hat. Das gehört dann wohl zum Risiko.

Übrigens verliert man nicht seine Staatsangehörigkeit, wenn man sich nicht in seinem Land aufhält. :)

www.weltentdeckerin.com

Liebe Grüße, Anja
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